Anzeige
Themenwelten Hamburg
Drei außergewöhnliche Frauen geben einen Einblick in die Vielfalt des Motorradfahrens

Frau und Motorrad – ein Gespann für alle Pisten

Maxi alias Ruby Reckless mit ihrem BMWR 51/3-Gespann Rote Zora Motografie

Schmidt Brillen und Contactlinsen

Warum fährst du Motorrad? Eine Frage, die wir Motorradfahrerinnen gerne mit: „Weil’s Spaß macht!“ beantworten. Stimmt ja auch. Doch das Hobby Motorradfahren ist so vielfältig wie die Menschen, die in ihrer Freizeit dem Ruf von Benzin und Motorengeräuschen folgen. Für die einen ist es die Flucht aus dem Alltag, das Einswerden von Mensch und Motorrad, Yoga auf zwei Reifen. Für die anderen ist es die Herausforderung, bei jedem Ritt seine persönlichen Grenzen zu testen, ein Machtkampf zwischen Mensch und Maschine, ob auf dem Asphalt oder dem Dirt Track. Wir haben mit drei außergewöhnlichen Frauen gesprochen, die ihre Motorradleidenschaft auf ganz unterschiedliche Weise leben.

Mit heißen Sohlen auf dem Flat Track

Stephanie Solar ist leidenschaftliche Flat-Track-Rennfahrerin. Mit ihrer auf 500 ccm aufgemotzten 1961er BSA B44 macht Stephanie den Speedway unsicher. Flat Track wird auf rund 400 Meter langen ovalen Bahnen aus Kalk-Sandstein-Untergrund gefahren. „Eigentlich geht es ja darum, auf dem Dirt Track in die Kurve zu sliden. Dafür hat man den Metallüberzieher am linken Schuh, den man auch Hot Shoe nennt“, sagt sie.

Im Gespräch mit Stephanie wird schnell klar, ein Flat-Track-Rennen ist ein rasantes Unterfangen mit jeder Menge Begeisterungspotenzial: „Es gibt schon Teilnehmer, die das Messer zwischen den Zähnen haben. Für mich steht aber der Spaß im Vordergrund.“ Die gelernte Fotografin liebt die familiären Zusammenkünfte bei den Rennen und den freundschaftlichen Wettbewerb. „Wir helfen uns alle gegenseitig, wenn mal etwas kaputtgeht. Wir gönnen uns den Erfolg.“ Am Ende des Tages, wenn alle ihre Runden absolviert haben, wird das Fahrerlager zur großen Familienfeier, erklärt Stephanie. „Hier geht keiner früher ins Bett, weil er am nächsten Tag ein Rennen fährt.“

Die gebürtige Kölnerin startete bereits mit 15 Jahren ihre Zweirad-Karriere auf dem Mofa und steigt in ihren Zwanzigern auf eine 1954er BSA um. „Ich hatte schon immer ein Faible für alles Alte“,sagt sie. Viele Jahre fährt sie auf der Straße, „ganz normal Motorrad“ wie sie sagt und kommt durch Freunde in den späten 90ern zu ihrem ersten Rennen. Beim Hamburger Stadtparkrennen und einem der ersten Race61, damals noch in der Uckermark, entdeckt sie ihre Leidenschaft für den „heißen Schuh“.
 

Stephanie Solar ist leidenschaftliche Flat-Track-Rennfahrerin. Sie lebt seit 20 Jahren in Hamburg. David Biene
Stephanie Solar ist leidenschaftliche Flat-Track-Rennfahrerin. Sie lebt seit 20 Jahren in Hamburg. David Biene

Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie seit 20 Jahren in Hamburg und wird einmal im Jahr selbst zur Veranstalterin. Beim „Golden Hot Shoe Day“ in Brokstedt kann man sich vom rasanten Rennsport auf dem Dirt Track begeistern lassen, oder selbst eine Runde drehen. Wer ein offizielles Rennen sehen möchte, der sollte laut Stephanie ein Krowdrace besuchen, zum Beispiel in Nordhastedt.

Mit dem Gespann durch dick und dünn

Wenn Maxi alias Ruby Reckless sich ihrem Abteil in der Tiefgarage Main nähert, schlägt ihr Herz schneller und ein breites Grinsen zeichnet ihr Gesicht. Sie ist auf dem Weg zur „Liebe ihres Lebens“. So beschreibt sie liebevoll Emma, ihre wunderschöne Oldtimer BMW R 51/3 mit Seitenwagen. Emma ist nicht einfach ein Motorrad, sie ist seit fast 40 Jahren Teil der Familie. Die Marketing- und Eventmanagerin saß das erste Mal mit zarten drei Jahren im Beiwagen ihres Vaters und war seither nicht mehr aus jenem wegzudenken.

Mit 20 macht sie ihren Führerschein. In einer Fahrschule lernt man jedoch nicht das Fahren mit Gespann und so fuhr sie direkt nach der Prüfung zu ihrem Vater, der ihr die erste Gespann-Trainingsfahrt gibt. Emma, die alte BMW R 51/3, wird ihr erstes Motorrad, eigentlich nur als Leihgabe, doch Maxi muss sich nicht trennen und übernimmt die Maschine vor zwei Jahren offiziell. Maxi nennt inzwischen auch ein Moto Guzzi Naked Bike Namens Zora ihr Eigen, doch für die steht fest: „Motorradfahren und Gespannfahren das sind zwei Sachen, auch wenn man bei beidem auf einem Motorrad sitzt.“ Trotz weniger Pferdestärken, die BMW bringt nur 24 PS an den Start, ist der Oldtimer mit Seitenwagen ihr Liebling. Für Maxi steht nicht die Geschwindigkeit im Vordergrund, sondern das Lebensgefühl. So macht sich Maxi mit ihrer Emma, immer wieder auf zu neuen Abenteuern.
 

Sophie Sattelberger fährt sogenannte Gespannrennen. Niklas Hundtofte
Sophie Sattelberger fährt sogenannte Gespannrennen. Niklas Hundtofte

2019 führt sie ein solches Abenteuer von Frankfurt am Main über den Gotthardpass nach Italien und wieder zurück. „Geschwindigkeit brauche ich gar nicht. Mir ist wichtiger, schöne Landschaften zu sehen und schöne Strecken zu fahren.“ Mit dieser Einstellung wird Maxi auch zukünftige Abenteuer im Gespann bestreiten. Die nächste Reise steht schon auf dem Plan, Maxi und Emma werden, sobald möglich, nach Großbritannien und zum Nordkap aufbrechen. Diese Ziele haben sie sich festgesteckt.

Auf der Strecke Konkurrenten, im Lager eine Familie

Mit drei Teilnahmen an WM-Rennen hat sich Sophie Sattelberger einen lange gehegten Traum erfüllt. Dabei liegt der Startschuss zur Karriere als Gespann-Beifahrerin noch gar nicht weit zurück. 2013 steigt Sophie aushilfsweise bei einem Rennen in den Beiwagen, zum Leidwesen ihres Vaters, der für ihre Idee wenig zu begeistern war. Doch Sophie ist schockverliebt in den neu entdeckten Nischensport.

Mit ihrem jetzigen Partner, einem Freund aus Cuxhaven, bildet sie seit zwei Jahren erfolgreich ein Team. Bis zu achtmal im Jahr sind die beiden bei Rennveranstaltungen in ganz Europa unterwegs. Dazwischen wird regelmäßig trainiert. Sophie war schon immer ein Teamsportler und Fan des Zusammenhalts. Neben ihrem Studium und einem Job im Tourismusbereich, dieses zeitintensive Hobby verfolgen zu können, verdankt sie ihrem kulanten Arbeitgeber und ihrem Teampartner, die ihr viel Freiraum geben.

Die Studentin genießt die Rennen, die sie an ihre Grenzen bringen und ihr volles Können abverlangen. Doch auch die Zeit im Fahrerlager ist Sophie wichtig. „Klar, auf der Rennstrecke sind wir Konkurrenten, aber sobald man rauskommt, sind wir eine Familie.“ Der Zusammenhalt und der Teamgeist faszinieren sie immer wieder. „Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass man einen Ersatzmotor für ein anderes Team hergibt.“, erzählt Sophie Sattelberger. Dieser Sportsgeist ist Teil einer der prägendsten Momente ihrer Rennkarriere. Bei einem besonders wichtigen Rennen überschlug sich das Gespann auf der Rennstrecke und Sophie verletzte sich dabei die Schulter. Bei einem Ausfall der beiden Rennfahrer, hätten Sie ihre Führung eingebüßt und die Konkurrenz wäre dem Sieg ganz nah gekommen. Doch anstatt den Vorteil zu nutzen, helfen die Konkurrenten Sophie wieder auf die Beine und sorgen dafür, dass das Team beim nächsten Rennen regulär starten kann.

Stephanie, Maxi und Sophie sind nur drei von vielen Frauen, für die Motorradfahren zum Leben gehört, wie die Luft zum Atmen. Ob hohe Geschwindigkeiten auf dem Speedway oder stilvolles Cruisen im Oldtimer. Mit ihrem ganz eigenen Stil und voller Leidenschaft, mischen die Frauen die einstige Männerdomäne Motorrad auf. ANNIKA GRAMLICH UND JESSICA GESKE

Weitere Artikel