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Gangstörungen

Die Prognosen sind in vielen Fällen günstig

Fotos: Michael Holz, Shutterstock/Roman Chazov

Von Gangstörungen spricht man, wenn das Gehen nicht mehr flüssig und symmetrisch abläuft. Vor allem ältere Menschen sind betroffen. Die Ursachen sind vielfältig. Wie Gangstörungen in der Regel entstehen und wie sie sich behandeln lassen, darüber spricht Prof. Dr. Günter Seidel, Chefarzt der Neurologie an der Asklepios Klinik Nord - Heidberg, im Interview mit dem Hamburger Ärztemagazin.

Wann sprechen Mediziner von Gangstörungen?

Das ist ein weites Feld. Zunächst ist es ein subjektiver Eindruck, den die Patienten selbst haben, bis die Gangstörungen auch für andere sichtbar werden. Das Gehen kann in der Dunkelheit oder in der Dämmerung schlecht werden. Das ist Menschen natürlich auch peinlich, wenn sie torkeln und für betrunken gehalten werden.

Was ist die Ursache für diese Probleme?
 
Orthopädische Ursachen sind ja sehr schnell klar, etwa nach Unfällen. Aber vor allem sind es neurologische, kardiovaskuläre und Krankheiten des Gleichgewichtssystems, die zu Gangstörungen führen. Das ist aber oft ein schleichender Prozess und vor allem Männer kommen sehr spät zu uns, wenn ihre Partnerinnen sie dazu drängen. Die Parkinsonsche Krankheit kann eine Ursache sein. Da ist der Gang dann sehr kleinschrittig. Bei Rückenmarkserkrankungen liegt eine Spastik vor, mit einem sehr staksigen Gang. Degenerative Erkrankungen der Beinnerven spielen eine große Rolle.

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Wie gehen Sie dem auf den Grund?

Wir untersuchen Patienten schrittweise. Einer ausführlichen Befragung schließen sich eine körperliche neurologische Untersuchung und verschiedene apparative Untersuchungen an. Ganz typisch ist etwa die Polyneuropathie, wenn also bestimmte Nerven nicht mehr funktionieren. Das kann durch Nährstoffmangel, Diabetes, Alkoholmissbrauch, Autoimmunerkrankungen und andere Erkrankungen entstehen. Da sind dann zum Beispiel die langen Beinnerven so gestört, dass sie die Impulse vom und zum Gehirn nicht mehr schnell genug leiten können.

Was bedeutet das medizinisch gesehen?

Für das Gleichgewicht braucht man drei kommunizierende Systeme: das Sehen, die Empfindlichkeit der Nerven von den Beinen und Füßen und das so genannte vestibuläre System, also das Gleichgewichtssystem im Innenohr. Wenn zwei dieser Systeme funktionieren, ist das Gleichgewicht noch intakt, wenn aber nur eines vorhanden ist oder keines, dann ist eine Gleichgewichtsstörung vorhanden. Die Nervenleitfähigkeit etwa messen wir mit der so genannten Elektroneurographie. Da prüfen wir die Nerven sozusagen wie eine Stromleitung. Dann können wir erkennen, ob Nervenzellen fehlen oder funktionsgestört sind.

Gibt es auch mechanische Ursachen?

Ja, die so genannte Spinalkanalstenose. Wenn sich dieser knöcherne Tunnel innerhalb der Wirbelsäule verengt, dann leiden die Nervenwurzeln oder auch das Rückenmark und die Funktion ist beeinträchtigt. Ursache können Bandscheibenvorfälle oder auch knöcherne Einengung durch Abnutzung sein. Es gibt aber auch Gangstörungen, die werden durch Erkrankungen des Stammhirns oder des Kleinhirns hervorgerufen. Wie etwa Parkinson als degenerative Erkrankung oder die toxische Schädigung des Kleinhirns durch übermäßigen Alkoholgenuss.

Ab welchem Alter treten Gangstörungen beim Menschen auf?

Nach den Zahlen, die ich kenne, bei 15 Prozent der über 60-Jährigen und bei 35 Prozent der über 70-Jährigen. Das ist ganz klar alterskorreliert. Jeder Dritte über 65 stürzt statistisch gesehen einmal im Jahr.

Kommen weitere Erkrankungen als Ursache infrage?

Ja, der Erwachsenen-Hydrozephalus etwa. Auch Demenzkranke können parallel eine Gangstörung entwickeln und das sieht man daran, dass sie sich nicht mehr unterhalten können, wenn sie gehen, was für Gesunde eine Selbstverständlichkeit ist. Sie bleiben dann stehen.

Wie sind die Prognosen?

Oftmals lässt sich die Lage deutlich verbessern. Viele Patienten haben aber mehrere ursächliche Krankheiten, die getrennt therapiert werden müssen. Wie etwa eine Polyneuropathie durch Vitaminmangelzustände in Verbindung mit mangelnder Durchblutung des Gehirns oder Parkinson. Das alles lässt sich gezielt medikamentös beeinflussen. Ein Hydrozephalus lässt sich hingegen nur durch eine Operation behandeln, indem die überschüssige Hirnflüssigkeit dauerhaft abgeleitet wird.

Welche weiteren Möglichkeiten der Behandlung gibt es?

Ganz wichtig ist in jedem Fall eine unterstützende Physiotherapie, unabhängig von der Grunderkrankung. Oft ist der Gang ja nur teilweise gestört. Durch regelmäßige Physiotherapie lassen sich gezielt Defizite kompensieren. Das ist ein extrem wichtiger Baustein für mehr Lebensqualität. Daneben ist die Sturzprävention ein wichtiger Baustein in der Behandlung. Detlev Karg

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