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Tennis in Hamburg

Tennis in Hamburg: Sofia Kenin zum 1., Novak Djokovic zum 8. Titel

Australian Open

Foto Jürgen Hasenkopf
Foto Jürgen Hasenkopf
Charity Veranstaltungen für die Opfer der Buschbrände

Die gute Nachricht vorweg, die Australian Open fanden statt. Das war bis wenige Tage vor Beginn des ersten Grand Slam des Jahres nicht sicher, gingen doch Horrormeldungen um die Welt, dass die in diesem Jahr extremen Buschbrände und deren Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen ein Spielen nicht möglich machen würden.

Schon erstaunlich, dass die Turnierleitung die Qualifikation starten ließ, obwohl die Melbourner Behörden am selben Tag die Warnung herausgegeben hatten, bitte Türen und Fenster geschlossen zu halten und sich nicht ins Freie zu begeben. Viele Qualifikanten klagten aufgrund der extrem verschmutzen Luft über Atembeschwerden und mussten aufgeben. Zum Glück wechselte der Wind in der Mitte der Quali Woche seine Richtung, und plötzlich unerwartet einsetzender Regen trug seinen Teil dazu bei, dass das Szenario eines evtl. Turnierabbruchs nicht Wirklichkeit wurde.
 
Alle Spieler/innen zeigten sich aufgrund der Tragödie betroffen. Viele Menschen starben und die Tierwelt im Südosten Australiens mit ihren Kängurus, Koalas, Wombats und mehr wurde bis zu 80 % ihres Bestandes durch die Feuer dezimiert.

Im Vorfeld der Australian Open fanden viele Charity Veranstaltungen in Form von Schaukämpfen u.a. mit Roger Federer, Rafael Nadal und Nick Kyrgios statt, die die stolze Summe von über 6.000.000 Aus $ für die Opfer erbrachten.
 
So hatte u.a. auch Belinda Bencic, Nr. 1 der Schweiz, wie viele andere Spieler/innen angekündigt, in den Vorbereitungsturnieren von Brisbane und Adelaide für jedes geschlagene Ass 100 $ zu spenden. Nun ist sie nicht als Riesenaufschlägerin bekannt, daher erweiterte sie ihre Spende, bezog ihre Doppelfehler mit ein und forderte Alexander Zverev, der beim ATP Cup in Brisbane bei seinen drei Niederlagen eine sensationelle Doppelfehler Quote hinlegte, auf, es ihr gleichzutun. Also statt für Asse für Doppelfehler zu spenden. Ob „Sasha“ dies gut fand, ist nicht überliefert.
 
Nach all diesen Problemen ging das Turnier dann aber doch vonstatten, und am Ende gab es sogar einen neuen Zuschauerrekord mit genau 812.174 Besuchern gegenüber 796.435 in 2019. Der Happy Slam lebt.

Matthias Stach und Boris Becker

Zwei von diesen Zuschauern waren natürlich unsere beiden Eurosport Kommentatoren, Matthias Stach, und sein Adlatus, Boris Becker. Die beiden waren in den zwei Wochen wieder einmal gut drauf und versorgten die Fernsehzuschauer mit ihren Beobachtungen und Anekdoten, wobei es Dampfplauderer Stach nicht lassen konnte, seine Tennisweisheiten am „Roten Baron“ (Boris Becker) auszutesten.
 
Gleich im ersten Match von Alexander Zverev gegen den Italiener Matteo Berettini ging es gut los. Zverev hatte in seinen drei Matchen im vorangegangenen ATP Cup in Brisbane eine Doppelfehlerserie hingelegt, und Boris Becker war gespannt, ob Zverev sich in Melbourne aus dieser „Kopfmisere“ würde befreien können. Zverev spielte wie ausgewechselt, schlug Asse in Serie und fabrizierte in seinen fünf Spielen bis zum Halbfinale teilweise nicht einen Doppelfehler.
 
Gegen Berretini nahm Stach das bereits zum Anlass, seine Sicht der Dinge, warum die Doppelfehlerquote so rapide runter ging, Boris an dessen sich mehr und mehr runzelnde Stirn zu werfen.
  
Stach: „Boris, gut dass er aus der Vergangenheit gelernt hat und, um Doppelfehler zu vermeiden, mit mehr Spin, dafür aber einen Meter kürzer aufschlägt. Das bringt die Sicherheit, die er braucht, da sind wir einer Meinung!“ Das sollte nun auch keine Frage sein, sondern eine Feststellung. Boris dazu: „Ja, aber das finde ich nicht gut, wahrscheinlich war dies gerade auch nicht gewollt. Ein guter Aufschlag ist ein guter Aufschlag.“ Stach: „Aber du weißt, was ich meine?“ Leider wechselte Stach dann schnell das Thema, sodass der wissbegierige TV Zuschauer bei diesem Einwurf auf der Strecke blieb.
 
Wie schnitten die deutschen Spieler/innen ab?

Zverev spielte nach langer Durststrecke ein von Experten nicht erwartetes Grand Slam Turnier und erreichte erstmals in seiner Karriere das Halbfinale. Hätte er dort im dritten Satz gegen Dominic Thiem einen seiner zwei Satzbälle verwandelt, wer weiß, ob noch mehr drin gewesen wäre.

Die australischen Zuschauer hatte er jedenfalls auf seiner Seite, als er nach dem Sieg in Runde 1 gegen Berettini im OnCourt Interview verlautbarte, für jedes gewonnene Match $ 10.000 für die Opfer der Buschbrände zu spenden und falls er das gesamte Turnier gewinnen sollte, würde er das volle Preisgeld ($ 2.600.000) zur Verfügung stellen. Da dachten viele noch, der hat gut reden, wie soll das denn Wirklichkeit werden. Nur, je näher das Finale rückte, verstummten nach und nach die vielen Lästerer. Immerhin, $ 50.000 stellte Zverev dem guten Zweck zur Verfügung.
 
Angelique Kerber zeigte unter ihrem neuen Coach, Dieter Kindlmann, aufsteigende Tendenz. Das Erreichen des Achtelfinales und die dort knappe Dreisatzniederlage (7:6, 6:7, 2:6) gegen Anastasia Pavlyuchenkova lässt für diese Saison hoffen. Ihre Spielausrichtung war deutlich mutiger, also offensiver angelegt als noch im vergangenen Jahr. Was allerdings erstaunte war, dass die Russin am Ende mehr zuzulegen hatte als die normalerweise konditionsstarke Kielerin. Matthias Stach zu Becker: „Da war mehr drin.“ Becker: „Ja, da hast du diesmal recht. Aber, wie der Engländer sagen würde, she was running out of gas. Ihr fehlten die letzten Körner, um das Match zu ihren Gunsten zu entscheiden. Wahrscheinlich waren dies noch die Nachwirkungen ihrer Verletzung, die sie in den letzten Tagen nicht voll trainieren ließ.“ „Körner“ war im Übrigen nach „Transition“ in 2019, „Momentum“ in 2018 und „Antizipation“ in 2017 das Beckersche Turnierwort des Duos in 2020.

Julia Görges spielte zwei gute Runden, darunter ein Sieg gegen die an Position 13 gesetzte Petra Martic. Aber auch bei ihr waren am Schluss beim 6:1, 6:7, 2:6 gegen Alison Riske keine Körner mehr im Tank. Jens Gerland wird sich darüber seine Gedanken machen.
 
Bei den restlichen deutschen Teilnehmern stand der olympische Gedanke „dabei sein ist alles“ im Vordergrund. Das betraf auch unser French Open Sieger Doppel Andy Mies und Kevin Krawietz, aus in Runde 1 – allerdings gegen die späteren Finalisten, Alexander Bublik und Michail Kukushkin.

Sabine Ellerbrock, Deutschlands erfolgreichste Rollstuhltennisspielerin, beendete in Melbourne ihre Karriere. Erfreulich aus deutscher Sicht war endlich einmal die Teilnahme eines Teils des Porsche Juniorinnen Teams sowie zweier Junioren. Lange Jahre war keine Juniorin auf den Grand Slam Turnieren vertreten. Alexandra Vecic war kurz davor sogar die ganz große Überraschung zu schaffen. Knappes Aus im Halbfinale gegen die Polin Weronika Baszak, nachdem Alexandra in Runde 2 die an Position 1 gesetzte Elsa Jacquermot mit 7:5, 4:6, 6:3 geschlagen hatte. Die Erfahrung aus ihrem teilweise ersten Grand Slam könnten die Junioren/innen in Selbstvertrauen umsetzen, wenn sie weiter am Ball bzw. an den großen Turnieren teilnehmen. Warum dies in den letzten Jahren nicht geschah, bleibt das Rätsel des DTB.

Federer, Becker und die Mind Games

Bei den Herren erwarteten nach dem Masters Sieg von Stefanos Tsitsipas in London viele Experten, dass die Next Generation in dieser Saison durchstarten würde, und die drei ewigen Grand Slam Sieger, Federer, Nadal und Djokovic, das Fürchten lernen würden. Next Gen ist man im Übrigen bis zum 21. Lebensjahr, insofern zählen Halbfinalist Alexander Zverev, 22 Jahre alt, und Finalist und Nadal Bezwinger Dominic Thiem sowieso mit seinen mittleren 26 Jahren nicht mehr zu den Next Gen Nachfolgern der drei Senioren. Im Viertelfinale befand sich kein Next Gen Vertreter, die Wachablösung der Jugend verschiebt sich weiterhin.

Wobei es teilweise eng war, aber eben nicht mit den Jungen. Roger Federer mit seinen 39 Jahren schoss dabei den Vogel ab. Gegen den Australier John Millman lag er im fünften Satz im Matchtiebreak 4:8 im Hintertreffen und im Viertelfinale gegen Tennys Sandgren hatte dieser, sage und schreibe, sieben Matchbälle, die er nicht verwandeln konnte.

Erstaunlich dazu Federers Erklärung in der Pressekonferenz nach dem Match gegen Millmann. Da denkt der „gemeine“ Tennisspieler, die Profi s schalten alles Negative in ihren Köpfen aus und konzentrieren sich nur auf den nächsten Punkt, aber was gibt Federer von sich: „Die Dämonen waren die ganze Zeit in meinem Hinterkopf, zum Glück ging der Tie Break bis 10. Bei 4:8 war ich nur noch am Überlegen, wie ich meine Niederlage später der Presse erklären könnte.“ Es ist überraschend, aber der Schweizer scheint auch nur ein Mensch zu sein.

Diese Offenbarung von Federer war für Matthias Stach der Startschuss, in die Hinterköpfe der Spieler schauen zu müssen.

Bei jedem nachfolgendem Walk on Court, der Weg der Spieler durch die Hall of Fame, in der alle vergangenen Champions an den Wänden die jeweils beiden Kontrahenten auf dem Weg zum Center Court begleiten, löcherte Stach seinen Partner Becker: „Das ist doch grausam, diesen langen Weg zu beschreiten, mit Federer direkt im Nacken. Er muss doch seinen Atem spüren. Was meinst du, geht dem Sandgren gerade durch den Kopf?“ Boris hatte darauf – wie meist – eine seiner sensationellen, Konfuzius ähnlichen Weisheiten parat: „Ja, du hast recht, da schießen einem als Underdog tausend Gedanken durch den Kopf, und auf diesem langen Weg zum Platz entscheidet sich das Match häufig schon. Hier reifst du entweder vom Jungen zum Mann oder du gehst unter.“ Kann man den Weg durch die „Hall of Fame“ besser beschreiben?

Stach: „Was dachtest du früher in diesen Situationen?“ Becker: „Es ist immer schon mal besser als zweiter zu gehen, dann kannst du deinen Gegner noch beobachten, evtl. humpelt er ja. Dafür musst du natürlich in der Rangliste höher stehen, der ’Bessere’ verfolgt den ’Schlechteren’.“

Stach: „Wie verbringt man überhaupt die letzten Minuten vor dem Einmarsch?“ Becker: „Als ich Djokovic Coach war, wollte der in den letzten Minuten seine Ruhe haben, Federer ist eher einer, der sich bis zum Schluss in der Kabine noch mit seinem Coach unterhält.“ Stach: „Dann warst du einer wie Djokovic?“ Becker: „Ja, ich befand mich Minuten vor dem Match bereits im Tunnel. Mich durfte keiner mehr ansprechen, geschweige denn anfassen.“

Stach: „Stimmt es, dass du das Wimbledonfinale gegen Michael Stich verloren hast, weil der sich nicht an deine Regeln vor dem Einmarsch gehalten hat?“ Becker: „Ja, aber woher hast du das denn? Du hast aber Recht. Ich erinnere mich, dass wir beide kurz vor dem Center Court warten mussten. Vielleicht hatte der Duke of Kent noch nicht Platz genommen. Da kommt Michael an mich heran, umarmt mich und sagt: „Auf ein gutes Match“. Das hatte ich noch nie erlebt. Ich dachte, ich träume, hatte der sie noch alle? Er riss mich damit aus meiner Komfortzone, davon habe ich mich an dem Tag wohl nicht mehr erholt.“

Becker, Stach und Sofi a Kenin

Nachdem geklärt war, warum Michael Stich 1991 Wimbledon gewann, fanden die beiden zur Gegenwart zurück und beleuchteten das Damen Feld.

Im Gegensatz zu den Herren, bei denen klar war, dass einer der drei Oldies den Titel holt, waren die letzten Grand Slam Jahre der Damen nicht wettfähig, wobei die Quoten bei Sieg schon was hergaben.

Von 2017 bis hin zu den Australian Open 2020, also bei 13 Grand Slams, gelang es nur zwei Spielerinnen, zweimal einen Titel zu holen. Simona Halep gewann die French Open in 2018 und Wimbledon 2019 und Naomi Osaka die US Open in 2018 und die Australian Open in 2019.

Wer hätte aber auf das Finale Garbine Muguruza gegen Sofia Kenin gesetzt?

Stach zu Becker: „Hattest du die beiden auf deinem Schirm? Boris, was geht in deinem Kopf vor, wenn du Sofi a Kenin auf dem Platz beobachtest? Ich werde jedenfalls ganz jibbelig, so wie die junge US Amerikanerin keine Sekunde still steht.“ Becker: „Ja, du hast recht. Scheinbar braucht sie dieses Herumzappeln. Was sie sich abgewöhnen muss, ist das Heruntermachen mancher Schläge ihrer Gegnerinnen mit ihren abfälligen Gesten, das macht man nicht. Auch der Herr Papa in der Box muss noch einiges lernen.“ Stach: „Was willst du uns damit sagen?“ Becker: „Es ist toll, was die beiden bisher erreicht haben, aber der Respekt vor der Gegnerin ist bei beiden noch ausbaufähig. Aber das ist die Jugend und wird sich hoffentlich zum Guten wenden.“ Stach: „Noch was zum Abschluss?“ Becker: „Ja, der Herr Papa sollte seiner Tochter einen längeren Rock kaufen.“

Was würden die TV Zuschauer nur ohne Stach und Becker machen? Die French Open sind nicht mehr weit, und Eurosport ist auch dort der übertragende Sender.
 
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